GLÜCK, WIE GEHT DAS ?
EIN RUNDUMBLICK

Haben wir es nicht schon immer gemerkt: Emotionen resultieren aus dem Fokus der Wahrnehmung und haben entscheidende Rückwirkungen auf Stimmung und Leistungskraft. Tut Training not?

In den letzten fünf Jahren hat sich "Glück" zu einem regelrechten Modewort entwickelt. Aus den Regalen leuchtet es uns entgegen, im melodiösen Kanon zusammen mit "Liebe", "Entspannung", "Lebensfreude" und ganz klar den ewig-englischen Superlativen "Wellness", "Work-Life-Balance", "Mental Fitness". Wo "the pursuit of happiness" in der Verfassung steht, war die erklärte Ausrichtung aufs gute Gefühl noch nie verpönt oder als oberflächlich verschrien. In den USA erreichte schon 1962 Dr. Joseph Murphy mit der "Macht Ihres Unterbewusstseins: Affirmationen für Glück und Erfolg" eine Millionenauflage. Das Werk hatte auch in Europa viel Einfluss auf die 68er-Generation.

Weitere Wege zum Glück weisen hierzulande längst zahllose Fibeln — von Carnegies "Sorge dich nicht, lebe" bis zum "LOLA-Prinzip" und zu "Simplify your Life". Doch erst seit der "Glücksformel" des promovierten Biophysikers Stefan Klein wird das alleinige Streben nach Glück auch in Deutschland ernst genommen.

Klein machte das bis dahin eher belächelte "Glückstraining" salonfähig, indem er es wissenschaftlich beleuchtete: "Wie die guten Gefühle entstehen", erklärte Klein aus der Gehirn-Perspektive: "Glück ist trainierbar, nur machen die meisten Menschen bisher die falschen Übungen." Stimmt, denn wie die wilden Vorfahren interessieren uns Gefahren und Bedrohung oft mehr als alles andere.

Was Wunder: Das Programm dafür hat sich über Jahrmillionen Entwicklungsgeschichte bewährt, denn permanenter Vorsicht verdankt die physisch schwache Spezies Mensch ihr Überleben. In einer feindlichen Umwelt konnte man daher auch nur im Zusammenhalt einer Gemeinschaft überleben. Auf diese Weise wurde das Gehirn prioritär darauf programmiert, auf Gruppenzugehörigkeit zu achten, sie zu erhalten und zu verteidigen. Noch heute ist dieser Instinkt Haupttriebfeder menschlichen Handelns.

Übereinstimmung macht glücklich

Glücks-Ökonomen wie der Brite Andrew Oswald haben herausgefunden, dass eine intakte Familie, Freunde, nette Kollegen sowie ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Anerkennung für die Lebenszufriedenheit am wichtigsten sind. Arbeitslosigkeit macht demzufolge nicht des fehlenden Geldes wegen unglücklich, sondern weil man sich dabei selbst minderwertig und ausgegrenzt fühlt.

Glück ist ein Gefühlscocktail aus ganz verschiedenen immateriellen Zutaten wie z.B. Vorfreude, Zufriedenheit, Genuss, Liebe, schöne Erinnerungen und Spaß mit anderen. Sich willkommen fühlen macht ebenso glücklich wie frei entscheiden zu können. Das Glück, sich einzubringen und gefragt zu sein, ist genauso schön wie das Gefühl, jemanden gern zu haben. Glücksauslöser gibt es viele. Sie sind eine Frage der Wahrnehmung.

Dass der Blickwinkel das eigene Erleben bestimmt, weiß jeder, der schon mal die rosarote Brille der Verliebtheit auf hatte: Alle Menschen sind plötzlich liebenswürdig, die Welt erstrahlt in schönstem Glanz; man sieht gleich selbst viel schöner aus.

Meistens handeln wir jedoch nach der tiefen Überzeugung, dass es sicherer ist, erst alle Probleme aus dem Weg zu räumen, bevor wir uns dauerhaft glückliche Gefühle leisten können. Dabei zeigen die eigenen Erfahrungen, dass man schwierige Situationen im guten Gefühl viel leichter meistert. Wir wissen z.B., dass Stress unter Leistungsdruck im Kopf entsteht, weil wir instinktiv die Opferrolle einnehmen statt zu versuchen, Herr der Lage zu bleiben: Schon bei harmlosen Störungen läuft unser uraltes Instinktprogramm in diesem Wildnis-Modus, und meistens echauffieren wir uns stets über das Gleiche.

"Wer jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Stau steht, leidet darunter zu Recht. Eine Menge von dem, was uns biologisch bedingt zum Angriff oder zur Flucht reizt, kommt hier zusammen: Die Enge im Wagen; der Lärm der Motoren; die Angst, wieder einen Termin zu versäumen; und am schlimmsten die Erfahrung, machtlos zwischen den Stoßtangen eingekeilt zu sein. Ganz automatisch wird in unserem Organismus eine Stressreaktion ausgelöst. Die Folgen sind Wut, Ungeduld, ziellose Erregung und, wenn man endlich am Ziel ist, Erschöpfung."

Stefan Klein schlägt vor, die Zeit im Wagen für Hörbücher oder ähnliches zu nutzen und so das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der Umgebung zu lindern. Alternativ könnte man sich auf den duftenden Kaffee freuen, denn in Erwartung eines freudigen Ereignisses schüttet das Gehirn Botenstoffe aus, die uns Lust erleben lassen. Da die Regelkreise von Lust und Stress zusammenhängen, kann frohe Erwartung dem Ärger direkt entgegenwirken. Auch eine Option: sich stolz aufs Fahrrad schwingen ...

Neurobiologen haben herausgefunden, dass wir Menschen, wie auch alle Tiere, über ein emotionales Belohnungs- und Vermeidungssystem verfügen. Alle glücklichen und unglücklichen Gefühle verdanken wir diesen beiden Systemen. Leider passen sie sich unseren Gewohnheiten an. Aktivieren wir sehr häufig das Vermeidungssystem, indem wir an unseren Problemgefühlen festhalten, wird dieses System sofort ausgebaut. Dummerweise blockiert es dann auch noch unser Belohnungssystem, das für all unsere guten Gefühle verantwortlich ist. Kommt das Belohnungssystem nicht wirklich zum Zug, wird seine Funktion mehr und mehr eingestellt. Das System verkümmert regelrecht. Im Extremfall winkt eine Depression.

Inzwischen weiß man, dass Sport bei Depressionen wirksamer ist als Antidepressiva und Psychoanalyse. Geist und Psyche sind eng ins Wechselspiel zwischen Körper und Umwelt eingebunden, eine Beziehung, die in beiden Richtungen verläuft. So bleibt es nicht dabei, dass sich psychische Zustände im Körperausdruck wiederfinden — in Mimik, Gestik etc. Auch umgekehrt beeinflusst die Körperhaltung Urteilsfähigkeit und Stimmung. "Lächle, wenn du traurig bist." Dieser Rat hat es in sich. Intuitiv versuchen wir z.B. auch, den traurigen Freund durch Ablenken oder gutes Zureden wieder "aufzurichten".

Bloß nicht zu früh freuen

Paradoxerweise scheinen wir die glücklichen Gefühle mehr als die unglücklichen zu vermeiden. Um sich vor herben Enttäuschungen zu bewahren, wappnet man sich mit Skepsis und der Suche nach dem Haar in der Suppe, wenn eigentlich Grund zur Freude vorliegt. Für den Zukunftsforscher Matthias Horx ist es das Trauma des Zweiten Weltkriegs, das gerade die Weltwahrnehmung der Deutschen um so vieles angstvoller macht: "Fortschritt, so die subtile Botschaft unseres Unterbewussten, ist zutiefst ambivalent, Wohlstand jederzeit gefährdet."

Dabei leistet mehr, wer glücklich ist. Das haben längst auch die Ökonomen erkannt. Wer Spaß daran hat, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, schöpft zusätzliche Energie aus dem Gefühl von Sinnhaftigkeit, Unmittelbarkeit und Fähigkeit: Gutes Gelingen und Zufriedenheit sind die Folge — Glücksmomente. Denn Glück ist kein Zustand. Glücklich ist man, wenn man sich — auf viele verschiedene Weisen — glücklich fühlt. Gefühle fallen weder vom Himmel noch werden sie von den Lebensumständen oder gar von anderen Menschen gemacht. Gefühle machen wir uns bewusst oder unbewusst immer selbst. Und zwar alle Gefühle, ob gute oder schlechte.

Für den deutschen Philosophen Wilhelm Schmidt stellt die Ausrichtung aufs Gutgehen und Wohlaufsein allerdings "eine Art Zwang zum Glücklichsein" dar. Das "Zeitalter des manischen Positivdenkens" macht sich für Schmidt selbst verdächtig: "Aufgrund der Aussichtslosigkeit des Unterfangens, eine rein positive Welt herzustellen, steigert sich nun die Rhetorik, die sie beschwört. (...) Dass das Positivdenken selbst so großen Erfolg hat, beruht wohl auf einem Missverständnis: Ihm wird zugetraut, die lästige Widerspruchsstruktur des Lebens aus den Angeln heben zu können und dem Positiven allein Bahn zu brechen."

Schmidt hat insofern recht: Positivdenken nach Lehrbuch gerät schnell unter Erfolgszwang, und wer sich am meisten anstrengt, wird leidvoll zum Opfer der eigenen Fixiertheit. Da wird die unscheinbarste Unregelmäßgkeit als negativ verbucht. Selbstablehnung ist die Folge, oder man redet sich aus Liebe zum Frieden alles schön. "Das Positivdenken gibt sich allzugern der Hoffnung hin, es werde schon alles noch gut werden, wenn man nur lange genug gut davon denkt." Für Julie Norem lohnt es sich daher viel eher, pessimistisch zu sein. Die amerikanische Psychologin konstatiert, dass Schwarzseher sich unbewusst selbst motivieren, ihr Bestes zu geben, indem sie sich auf das Schlimmste gefasst machen.

Welche Übung also den Meister macht, muss und kann am Ende nur jeder für sich selbst entscheiden. Mit Sicherheit fängt Glück immer bei einer gesunden Prise Pragmatismus an, dem entspannten inneren Posten, der in jeder Lage Handlungsspielraum aufzeigt. Denn die Option Friss-oder-stirb ist in Wahrheit immer eine Fehleinschätzung, nur das Gefühl nicht, das darauf folgt. Vielleicht hält man es am besten mit dieser Devise eines unbekannten Verfassers — ohne Wenn und Aber: "Gelassenheit ist häufig der Schlüssel zum Glück. O wünsche nichts vorbei und wünsche nichts zurück!"

© Isabelle Reiff www.text-der-trifft.de, Beitrag erschienen in: "Promotion Business 2/2009"